Selbsthilfe-Kreis "Leben mit Sozialen Ängsten" Paderborn
"Leben mit Sozialen Ängsten"
- der Selbsthilfekreis Paderborn stellt sich vor.
von Johannes Peter Wolters
Unser Selbsthilfekreis in Paderborn besteht seit Oktober 2002 und nennt sich: „Leben mit Sozialen Ängsten“. Wir möchten damit zum Ausdruck bringen, dass wir uns vor allem auf einen Zugewinn an Lebendigkeit konzentrieren und nicht auf einen Kampf gegen unsere Ängste.
Ich werde die Gruppe nachfolgend aus meiner persönlichen Sicht schildern:
Gestartet sind wir zu sechst – und mit der Unterstützung durch die hiesige Selbsthilfe-Kontaktstelle, die uns zu Beginn einen Versammlungsraum zur Verfügung stellte. Die ersten Treffs liefen eher mühsam ab, da niemand so recht wusste, was in der Gruppe nun geschehen und besprochen werden sollte. Nach einigen Monaten hatten wir dann einen Raum für unsere wöchentlichen Versammlungen gefunden. Nun meldeten sich aber kaum noch InteressentInnen über unsere Internetseite und die Kontaktstelle, so dass wir schrittweise bis auf drei TeilnehmerInnen zusammenschrumpften.
Der mutige Entschluss, in einem örtlichen Info-Blatt zu inserieren, brachte wenig später den erhofften Zulauf. Im Nachhinein betrachtet, war der Fortbestand unserer Gruppe zu keinem Zeitpunkt mehr gefährdet, als in der Startphase.
Insgesamt haben im Zeitraum von sechs Jahren etwa 170 Betroffene an unseren Sitzungen teilgenommen. Wir sind eine teil-offene Gruppe, das heißt: Wir lassen Interessierte nach einem telefonischen Vorgespräch oder einem E-Mail-Austausch in unseren Kreis „hineinschauen“. Es geht uns darum vorweg auszuloten, ob der/die Anfragende eine Vorstellung von der Sozialen Phobie hat, und ob dies seinen/ihren Angstschwerpunkt darstellt. Dies ist uns vor allem deshalb wichtig, weil unsere Gruppe keine allgemeine Angstgruppe, sondern eine spezielle Arbeitsgruppe zum Thema „Soziale Angststörung“ ist.
Die wöchentliche Teilnehmerzahl schwankt um 10 bis über 20 Frauen und Männer etwa zwischen 20 und 55 Jahren mit ganz unterschiedlichem Betroffenheitsgrad, mit und
ohne Psychotherapieerfahrungen. Bereits zwei Mal ist die Nachfrage hinsichtlich der Gruppenteilnahme so groß geworden, dass wir uns auf zwei Gruppen aufteilen mussten. Hierbei haben wir mit den unterschiedlichen Gruppengrößen interessante Erfahrungen gemacht: Kleinere Gruppen laufen meist vertrauter ab, es bleibt mehr Zeit für jeden Einzelnen. Große Gruppen mit über 20 TeilnehmerInnen haben hingegen einen hohen Übungswert, wenn es darum geht, die Stimme zu erheben und das eigene Anliegen vor den anderen darzustellen. Zudem ist auch die große Vielfalt an unterschiedlichen Sichtweisen wertvoll und hilfreich. Wir haben dabei aber auch folgende Erfahrung gemacht: Je größer der Kreis ist, umso wichtiger und unentbehrlicher scheint die Funktion eines zu Beginn der Gruppensitzung bestimmten Moderators zu sein, der ein Auge auf eine gute Zeit-Struktur unserer Sitzung hat. Der Moderator wirkt nach der Eröffnungsrunde bei der Themenfindung mit und bindet auch die Stilleren mit einer Frage oder Bemerkung behutsam in den Sitzungsverlauf ein.
Wichtig ist uns insbesondere eine freundschaftliche und akzeptierende Grundstimmung im Kreis; außerdem setzen wir in Anbetracht der oftmals sehr persönlichen Aussagen eine Verschwiegenheit nach außen absolut voraus. Fixierte „Gruppen- Regeln“ haben wir nicht, dennoch legen wir besonderen Wert auf eine Balance zwischen Achtsamkeit und Nicht-Verletzen auf der einen Seite, und Impulsivität, Offenheit, Spontaneität und Lebendigkeit auf der anderen Seite. Die beiden Prinzipien konkurrieren positiv miteinander: So ist es zum Beispiel grundsätzlich klar, dass Mitglieder ausreden können, wenn sie von ihren Problemen erzählen. Dennoch ist es in manchen Situationen nicht weniger bedeutsam, dass sich ein lebendiger Impuls sofort auszudrücken vermag – auch in einem Dazwischenreden.
Wir wollen gemeinsam Konzepte der Alltags- und Angstbewältigung austauschen, vergleichen und einüben, uns motivieren und begleiten; dazu gehört auch ein persönlicher Austausch zwischen den wöchentlichen Treffen per Telefon und E-Mail. Wichtig ist uns ferner, die Aufmerksamkeit sowie die Gespräche nicht nur auf „draußen“ zu richten, sondern auch auf das Miteinander im Kreis, denn die Erfahrung zeigt, dass sich viele außerhalb auftretende Schwierigkeiten der Mitglieder ebenso im Miteinander des Selbsthilfekreises wiederfinden. Doch hier können sie konkret betrachtet, besprochen und gespiegelt sowie neue Lösungsmuster gefunden werden. In der Regel kostet es auch viel mehr Mut, sich hier und jetzt mit dem Anderen auseinander zu setzen, als bloß über „die anderen draußen“ zu reden.
Vor Jahren brachte ein Mitglied einmal den Begriff der „heilsamen Gruppenatmosphäre“ ein: Ich finde, das passt gut zu der Ausrichtung, um die sich ein fester Kern unserer Mitglieder stetig bemüht. Es mag sich dabei um ein Zusammenwirken unterschiedlicher Faktoren handeln: von einem Angebot an Nähe, aber auch dem respektvollen Zugeständnis an Abstand und Freiraum, von Toleranz, aber auch Verbindlichkeit, von Offenheit ohne Nachdruck. Eine gute Balance von allen diesen Aspekten bringt nicht das einzelne Mitglied ein, sondern sie entsteht vielmehr durch das Einwirken von ganz verschieden denkenden und empfindenden Menschen innerhalb einer Sitzung. Trotz der offensichtlichen und auch gewünschten Unterschiedlichkeit betrachten wir
uns als ein Team.
Momentan treffen wir uns wöchentlich in zwei Gruppen – immer montags und freitags für jeweils zweieinhalb Stunden, ohne Pause. Zu Beginn der Sitzung erfolgt meistens eine Eröffnungsrunde („Blitz“), in der jedeR TeilnehmerIn die momentane Befindlichkeit einbringen kann. In der Freitagsgruppe, die mehr übungsorientiert ist, starten wir durchaus auch mal gleich mit einer Übung. Manchmal gibt es bereits vor Sitzungsbeginn Themenvorschläge, teilweise ergeben sich die Diskussionsthemen aber auch erst im Verlauf der Gruppenarbeit. Nachdem einige TeilnehmerInnen aus eigener beruflicher Erfahrung oder aber auch aus Klinikaufenthalten kleine praktische Übungen eingebracht hatten, haben wir in unseren wöchentlichen Sitzungen nun auch solche Übungen mit eingeschlossen, die ein bestimmtes Mitglied anleitet. Im Laufe der Jahre ist hier ein schönes Repertoire verschiedenster Übungen entstanden, so dass neben dem Sprechen auch noch lebendige und spontane Impulse in die Sitzung mit einfließen, wie beispielsweise durch KörperÜbungen, Meditationen, Malen, Vorlesen, Zweier-Übungen usw.; oftmals wird bei diesen Übungen das Thema der sozialen Ängste plastischer greifbar als im Gespräch über eine externe Situation, die ein Mitglied im Alltag belastet.
Seit vier Jahren veranstalten wir nun schon mehrmals jährlich einen sog. „Thementag“ und befassen uns an einem ganzen Samstag mit einer spezifischen Problematik, wie zum Beispiel Nähe und Abgrenzung, Liebe, Sexualität, Eigenständigkeit oder Aggression. Wir gestalten diese „Thementage“ eigenständig, das heißt: Vorbereitung, Organisation sowie Durchführung liegen in der Hand unserer Gruppenmitglieder.
Noch mutiger sind wir vor zwei Jahren geworden: Seitdem fahren (überwiegend) die Mitglieder, die schon etwas länger in der Gruppe sind, zweimal jährlich zu einem selbst gestalteten, dreitägigen Seminar (incl. Übernachtung) in die weitere Umgebung. Selbstverständlich ist jedem Mitglied die Teilnahme daran freigestellt; besonders Gruppen-Neulinge brauchen häufig einige Monate, bis sie sich so weit einlassen möchten. Bei dem Seminar bringen alle TeilnehmerInnen das ein, was sie gut können: Musik, Bewegung, Malen, Meditation, Körperübung, gutes Essen und vieles andere mehr. Nach diesem intensiven Austausch gestaltet sich die Gruppenatmosphäre erfahrungsgemäß noch vertrauter und fließender.
Kontakt:
www.sozialphobie-paderborn.de
Dieser Beitrag ist erschienen in der Deutschen Angst-Zeitschrift Ausgabe 45.


